Almut Quaas
Almut Quaas

Aktuelle Ausstellungen

offensichtlich16

Offene Ateliers in und um Freiburg

Einladung zur Besichtigung unserers Ateliers am

Sonntag, 16. Oktober 2016, 11 bis 18 Uhr

Almut und Ludwig Quaas

Almut Quaas, "Ich", 2015, 150 x 100 cm, Öl auf Leinwand

Ludwig Quaas, Le rêve, 2016, 22 x 15 cm, Mischtechnik auf Karton

Architektonische Impressionen, 4. März - 17. April 2016

Rathaus Schönaich, 20. März bis 10. April 2016

Gedok Projektpreis 2015

"Die Puppe"

Evelyn Grill, Almut Quaas

 

Evelyn Grill

 

Gedenktag

oder

Die Puppe Lilli

 

Erzählung

Ausgerechnnet heute will mich eine ehemalige Schulfreundin besuchen. Ein ungünstiger Tag. Ich weiß nicht, weshalb ich nicht abgesagt habe. Ich hätte absagen können, doch ich habe sie, die einmal eine wirkliche Freundin war, doch gerne wiedersehen wollen. Seit zwanzig Jahren habe ich sie nicht gesehen und ich weiß schon, was sie zu mir bei der Begrüßung sagen wird: Ich hätte dich nicht wieder erkannt. Es erkennt mich ja niemand wieder. Ich habe mich verändert, auch innerlich, man kann nicht unverändert bleiben, wenn man das erlebt hat, was ich erlebt habe.

 

Heute wollte ich keinen Besuch empfangen, ich bekomme ja selten Besuch, und manchmal möchte ich Besuch haben, denn ich fühle mich manchmal einsam. Heute aber ist ein Gedenktag, den ich allein verbringen will, seit fünfzehn Jahren begehe ich ihn allein, und doch habe ich Klara heute gestattet, mich zu besuchen. Es war ein Fehler. Was soll ich mit ihr machen. Ich stelle mir vor, daß ich sie ins Wohnzimmer führe und sie zum Sitzen auffordere. Ich werde ihr einen bequemen Stuhl zurechtrücken von dem sie genau auf Lilli blicken kann. Ich werde ihr schon beim Kommen verbieten, mich etwas zu fragen, ich würde ihr alles erzählen, sie müßte mir schweigend zuhören. Sie müßte sich auf eine längere Erzählung gefaßt machen. Vielleicht würde sie gerne Kaffee trinken oder an einem Sherry nippen, aber ich würde ihr nichts anbieten, weil ich selbst heute auch nichts zu mir nehme. Nichts, gar nichts. Ich würde die weißen Kerzen, die auf den Kandelabern links und rechts der Vitrine aufgestellt sind, anzünden. Meine Freundin würde eine Puppe sehen. Sie würde vor der Puppe erschrecken, die in der Vitrine zu schweben scheint. Unter ihrem Fuß sind Wattebauschen  ausgelegt. Die Freundin würde den Eindruck gewinnen, als würde die Puppe über Wolken schweben; die Gliedmaßen, die der Puppe fehlen, es ist das rechte Bein und der linke Arm bis zum Ellenboben liegen auf der Watte, sind gleichsam auf Wolken gebettet. Der Kopf von Lilli hat ein großes, splittrig umrandetes Loch auf einer Seite, auf der anderen strubbelt noch ein Büschel gelber Haare. Ein Auge fehlt, das andere, blaue, ist weitaufgerissen und man glaubt, sie blicke damit in ein Inferno. Der rechte Arm ist wie durch ein Wunder vollständig geblieben, sie streckt ihn nach vor und ihre Hand mit den Fingerchen sehen aus, als würde sie den  Betrachter segnen. Wie das Christuskind. Das rosarote Spitzenkleidchen hängt in Fetzen um ihren Körper, sie hat ihren roten Puppenmund leicht geöffnet und manchmal spricht sie zu mir. Die Puppe Lilli habe ich nicht so aufgefunden, wie sie in der Vitrine aufgestellt ist, ich habe einzelne Körperteile provisorisch wieder mit dünnen Drähten befestigt, auch das zerfetzte Kleidchen habe ich ihr um den Körper drapiert, die Teile, die ich nicht mehr anbringen konnte, und sich noch gefunden haben, liegen auf den Wattewolken.

 

Wenn meine Freundin die Puppe sieht, die Lilli ist, wird sie etwas fragen wollen, vielleicht werde ich auch die Gedanken auf ihrer Stirn lesen, nämlich, daß sie denkt, daß ich verrückt sei. 

 

Trotzdem werde ich keine Fragen zulassen. Ich werde erzählen und wenn ich alles erzählt haben werde,was ich an diesem Gedenktag zu erzählen habe, werde ich sie verabschieden.

 

Ich werde ihr auch erzählen, daß ich einmal glücklich gewesen bin, verheiratet und daß ich ein Kind hatte, ein Mädchen. Wir nannten es Annna oder Ännchen. Ich nannte es meistens Ännchen. Als Anna 6 Jahre alt war, hat uns mein Mann verlassen. Es kam überraschend für uns beide, denn obwohl er oft mehrere Wochen beruflich unterwegs war, dachten wir nicht, daß er uns verlassen wollte. Eigentlich wollte er nur mich verlassen, Anna wollte er behalten. Manchmal kam er, sie zu besuchen, später, als sie zehn Jahre alt war, lud er sie ein zu ihm zu kommen, er lebte zu dieser Zeit in Paris. Sie sollte während der Ferien eine Woche bei ihm und seiner neuen Frau verbringen. Anna hatte keine große Lust die neue Frau kennenzulernen, allerdings reizte sie der Flug. Er buchte einen Flug. Ich brachte das Kind zum Flughafen. Ich hielt meine Tränen zurück, denn ich merkte, daß es auch dem Kind schwerfiel, Abschied zu nehmen. Eine Woche, sagte ich, am nächsten Montag bist du wieder bei mir, du mußt nur sechsmal schlafen, so zählten wir früher die Zeit bis zum Hl. Abend, bis das Christkind kommt, ja, sagte sie und blickte zu Boden. Sie rief mich jeden Tag an, sie klang fröhlich, ich glaube, sie hatte gute Tage mit ihrem Vater. Das will ich mir vorstellen. Daß ihre letzten Tage glückliche Tage waren. Er und seine Frau zeigten ihr Paris, er kaufte ihr auch ein Kleid, das sie sich gewünscht hatte, das hat sie mir am Telefon erzählt. Am Tag des Abflugs, rief sie mich noch vom Flughafen an und sagte, daß sie sich auf mich freue. Die Maschine sollte um 15 h 40 landen. Ich wartete mit vielen anderen in der Ankunftshalle. Manche trugen Blumen, manche schwenkten Fähnchen, alle hatten erwartungsfrohe Gesichter; ich hatte zuhause einen Begrüßungstisch für Anna gerichtet mit allem, von dem ich wußte, daß sie es sich gewünscht hatte. Der Flug war delayed. Nach einer halben Stunde war er immer noch delayed. Manche wurden nervös. Auch ich. Aber noch nicht beunruhigt. Bis es hieß, daß das Flugzeug nicht mehr zu orten sei, jedenfalls verschwunden, vom Radarschirm verschwunden. Da brach eine eine große Unruhe unter uns Wartenden aus, aber wir konnten nichts erfahren, nur daß das Flugzeug verschwunden war, über den Pyrenäen hieß es. Schließlich hieß es, das Flugzeug sei abgestürzt. In den Pyrenäen in einen Berg gerast, es sei Nebel gewesen, der Pilot habe die Orientierung verloren. Das interessierte mich nicht, was der Pilot verloren hatte, ich wollte wissen was mit meiner Tochter passiert war. Es gab ja immer wieder Überlebende bei Flugzeugabstürzen. Aber hier gab es keine Überlebenden, keinen einzigen.

 

Ich reiste zu dem Ort, alle Angehörigen der Opfer, wie es hieß, reisten an den Ort, an dem das Flugzeug abgestürzt war. Es stellte sich bald heraus, daß es zwar vom Flugzeug noch einzelne Blechteile gab, jedoch daß die Passagiere durch den Aufprall pulverisiert worden seien, pulverisiert, habe ich gelesen, doch daß Teile von Taschen und anderes an Gepäckstücken in der Schlucht gefunden werden konnte. Um diese Teile den Passagieren zuordnen zu können, wurden wir Angehörige eines Tages in eine Art Turnhalle gebracht, da lagen auf langen Tischen alle die Sachen, die von den Opfern übriggeblieben waren und aufgefunden werden konnten. Ich schritt die Tische entlang; ich sah Teddybären, aufgerissene Rucksäcke, zerfetzte Mäntel, Teile von Handys, aus denen nichts mehr zu rekonstruieren war, einige Stofftiere aus denen die Holzwolle quoll. Ich glaubte, manchmal ein Fetzchen von Annas Rucksack zu entdecken, dann sah ich neben einem zerbeulten Spielzeugauto eine Puppe. Es war Lilli, die verstümmelte und zerstückelte Llli, Annas Lieblingspuppe. Ich glaube ich bin zusammengebrochen, habe irgendwie das Bewußtsein verloren, würde ich meinem Besuch erzählen, in der Lazarettstation wurde ich wieder wach und ich wollte sofort wissen, wo die Puppe sei. Man brachte sie mir in einem Karton. Auch die Gliedmaßen, es fehlte ein Oberschenkel, der war offenbar auch pulverisiert worden.

 

Als ich wieder halbwegs bei Sinnen war, habe ich Lilli versucht wieder zusammenzusetzen. Dabei habe ich mir die letzten Minuten meiner Anna vergegenwärtigen können. Ich bin sicher, daß sie die Puppe an sich gepreßt hielt, als das Flugzeug plötzlich in den Sinkflug gegangen war, als unter den Passagieren Panik ausgebrochen war, man hatte später auf der Blackbox oder auf irgendeiner anderen Box, jedenfalls hatte man Schreie gehört, schreckliche Schreie, wahrscheinlich hatte auch Anna geschrien und ihre Puppe an sich gepreßt, wahrscheinlich hat sie nach mir gerufen, sicher hat sie nach mir gerufen, und ihre Elli an sich gespreßt, und Todesangst empfunden, und ihre Elli an sich gepreßt. Und doch ist ihr schließlich Lilli aus den Armen gerissen worden. Wie lange hatte sie geschrieen, wie lange war sie vor Todesangst fast verrückt geworden. Man hat berichtet, daß es zehn Minuten oder eine Viertelstunde gedauert hat, bis die Passagiere merkten, daß das Flugzeug abstürzte. Zehn Minuten während der meine Anna nach mir gerufen hat, geweint, geschrien hat. Oder ist sie ganz still gewesen, mit der Puppe im Arm, mit der Puppe an sich gepreßt, vielleicht hat sie ihr Gesicht in den weichen Puppenkörper vergraben gehabt, vielleicht hat sie die Hände an die Ohren gepreßt um den Lärm der Motoren, das Kreischen der Passagiere nicht mehr zu hören. Ich werde es nie erfahren und ich werde nie aufhören mir täglich diese Situation in allen Varianten vorzustellen. Meine Freundin würde vielleicht wissen wollen, ob mich das nicht verrückt gemacht hat, sie würde sagen, sie selbst würde so etwas verrückt machen, das tägliche Kreisen um die Katastrophe, die ja jetzt schon fünfzehn Jahre her sei, ob ich nicht eine Therapie, eine Psychotherapie gemacht hätte, ob sie denn nichts gebracht habe, ob man mir nicht geraten habe, einfach nicht mehr an die Katastrophe zu denken, meine Tochter zu vergessen, Ablenkung zu suchen, Reisen mit Freunden zu unternehmen, ich könne mir das alles doch leisten. Man müsse die Vergangenheit hinter sich lassen können. Das alles würde ich von der Freundin hören, wie ich es schon hundertmal von anderen Wohlmeinenden gehört habe und wie ich es nicht mehr ertragen kann, deshalb würde ich ihr verbieten, etwas, irgendetwas zu sagen. Ich würde ihr einfach den Mund verbieten. Ich habe bisher noch niemandem verständlich machen können, was es mir bedeutet, wenn ich täglich mehrmals vor der Vitrine sitze und die Lilli anschaue, manchmal mit ihr spreche. Die Puppe zeigt mir mit ihrem zerstörten Körper, mit ihrem Blick, in dem sich das Grauen spiegelt, wie Anna die letzten Minuten ihres Lebens verbracht haben muß bevor das Flugzeug an die Felswand einer Schlucht prallte, zerschellte und den Inhalt, besonders aber die Menschen pulverisierte. Ich mußte mein Blut für eine DNA Analyse abgeben, damit Anna identifiziert werden konnte. Damals hoffte ich noch, daß menschliche Überreste, wenigstens erkennbare Teile ihres Körpers gefunden und identifiziert werden würden. Es dauerte Wochen bis ich die Nachricht bekam, daß nichts, nur zerfetzte Teile von ihr, die man mir nicht zeigen wollte, gefunden worden seien. Ich habe jedoch darauf bestanden, sie zu sehen. Ich wollte sie bestatten, ich wollte ein Grab mit einem Grabstein von Anna haben. Einen Marmor, der sie ewig im Gedenken der Mitwelt erhalten würde. Als man mir auf mein Insistieren, die sogenannten Überreste zeigte, behauptete ich schreiend oder lachend, man sagte mir später, daß ich gelacht hätte, daß das niemals die Körperteile meiner Anna gewesen sein könnten, daß sie mir offenbar Fleischteile und Klumpen aus einer Metzgerei zeigten, DNA hin oder her, und daß ich dieses fremde Fleisch nicht bestatten wolle, daß sie sie behalten könnten. Der Vater des Kindes war auch angereist gekommen, er sagte, daß er mir beistehen wolle. Er hatte sich, wie ich später erfuhr, um die angeblichen Fleischfetzen und Knochenstücke seiner Tochter gekümmert, hatte sie verbrennen lassen und hat sie in einer Urne bei sich aufbewahrt, wie er mir später schrieb. Ich habe ihm nicht geantwortet, ich brauchte seinen Beistand nicht, er war sogar kontraproduktiv, denn schließlich war er schuld am Tod seines Kindes, er hätte sie nicht per Flugzeug zu sich nach Paris locken müssen, sie wollte gar nicht zu ihrem Vater reisen, zu der fremden Frau, sie wollte bei mir bleiben, das weiß ich, aber das Gesetz war auf seiner Seite.

 

Ich war dann eine Weile in einer Klinik. Als ich wieder entlassen wurde, kaufte ich mir bei einem Trödler diese Vitrine und richtete für Lilli diese Bleibe ein. Manchmal vergesse ich, daß die Puppe nicht Anna ist. Eigentlich vergesse ich es jeden Tag mehr, und irgendwann, bald werde ich glauben, daß Anna in der Vitrine schwebt, wie eine Art Jesuskind und ihr Händchen segnend nach mir ausstreckt bevor es in den Himmel auffährt. In den Himmel würde sie aber erst aufgenommen werden, wenn auch ich sterbe und das wird vielleicht nicht mehr allzulange dauern, obwohl mein Arzt sagt, ich sei gesund.

 

Vollkommen gesund. Was weiß der Mediziner, was weiß überhaupt ein Mediziner, von den Vorgängen meines Körpers und meiner Seele, die sich beide verbunden haben, mir das Lebenslicht auszulöschen.

 

In zehn Minuten wird meine Freundin vor der Tür stehen. Wahrscheinlich mit einem Blumenstrauß, ihn werde ich Elli zu Füßen legen.

 

Es klingelt. Ich öffne die Tür. Meine Freundin bringt keinen Blumenstrauß sondern eine Torte vom besten Konditor der Stadt. Zum Kaffee, sagt sie bei der Begrüßung, und umarmt mich. Wir haben uns viel zu erzählen, sagt sie. Ja, sage ich.

 

Almut Quaas

 

Die Puppe

 

Aktuelle Ausstellungen

Stille Leben

Almut Quaas und Chris Popovic

Dauer der Ausstellung: 22.03. bis 26.04.2015

GeorgScholzHaus

Kunstforum Waldkirch

Merklinstraße 19, 79183 Waldkirch
Do 17 – 20, Frei und Sa 15 – 18, So 10 - 13 Uhr, Karfreitag und Ostersonntag 10 - 13 Uhr
07681 24101 und 07681 8735, info@georg-scholz-haus.de

http://www.georg-scholz-haus.de/ausstellung.html

 

Ausstellungseröffnung:

Sonntag, den 22.03.2015 um 11:00 Uhr, Einführung: Volker Bauermeister, Musikalische Umrahmung: Sabine Wehrle, Harfe

 

Begleitprogramm

 

Kunst im Dialog
Kunstgespräche mit Chris Popović und Almut Quaas
Freitag, 27. März 2015, 19.30 Uhr

 

Schreibnacht in der Ausstellung
mit Roland Burkhart
Samstag, 28. März 2015, 20 Uhr

 

Filosofisches Forum im Georg-Scholz-Haus
Spinoza - "Der Meistbeschimpfte". Was am Denken des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza (1632-1677) war so provozierend, dass noch 100 Jahre nach seinem Tod die ganze deutsche Geisteswelt darüber in einen Streit verfallen konnte?
Impulsvortrag Dr. Klaus Scherzinger, Denzlingen
Eintritt 5,- / Mitglieder 4,-
Freitag, 17. April 2015, 19.30 Uhr

 

Stillleben
Evelyn Grill, Freiburg, liest aus ihrem neuen Buch mit Kurzgeschichten: "Fünf Witwen" und aus dem Roman: "Der Sohn des Knochenzählers"
Eintritt 8,- / Mitglieder 7,-
Freitag, 24. April 2015, 20 Uhr

 

Finissage
Ausstellung der Bilder aus den Schüler-Workshops
10 Uhr: Lesung der Schreibnacht-Texte in der Ausstellung
11 Uhr: Finissage
Rainer Wahl Saxophon und Thomas Schweflinghaus Piano spielen Jazz-Standards
Sonntag, 26. April 2015, 11 Uhr

 

 

Badische Zeitung, 27.03.2015

Das Wesen der Dinge

"Stille Leben": Eine Ausstellung mit Arbeiten von Chris Popovic und Almut Quaas in Waldkirch.

 

Von einer täuschend echten Erfassung der Wirklichkeit in der Malerei wusste Plinius zu berichten: Der Maler Zeuxis habe Trauben so überzeugend gemalt, dass Vögel herbeigeflogen seien, um an ihnen zu picken. Das war in der Antike, und eine vergleichbare technische Meisterschaft ist natürlich längst – berechtigterweise – kein Kunstkriterium mehr. Dennoch hat das Stillleben, die Darstellung toter Tiere und regloser Dinge, als Kunstgattung bis heute überlebt.

"Stille Leben" heißt die Ausstellung von Chris Popović und Almut Quaas, die derzeit im Waldkircher Georg-ScholzHaus stattfindet. Der neusachliche Maler Georg Scholz (1890-1945) hat der schönen alten Villa, die seit 30 Jahren im Dienste der Kunst steht, ihren Namen gegeben. An der Doppelausstellung Popovic/Quaas hätte er seine Freude gehabt. Zeigen die dem Realismus verpflichteten Bilder der beiden Künstlerinnen doch etwas, das auch Scholz in seinen Kakteen-Stillleben wunderbar zum Ausdruck brachte: Dass der Maler durch die exakte Beobachtung das Wesen der Dinge zur Sprache bringen kann.

 

Die Freiburger Künstlerin Almut Quaas fährt alle Zutaten für ein veritables Stillleben auf: Granatäpfel, Trauben, Äpfel, Quitten, Zitronen, Pflaumen und Kirschen. In äußerst distanzierter, feierlich-strenger Weise werden diese Früchte vor einem nahezu schwarzen Grund wie auf einem Altar dargeboten, und sie erinnern an die Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts. Still und fern der heiteren Kinderwelt findet auch das Leben statt, in das sich ihre Puppen zurückgezogen haben. Emilia, Paula und Anna verfügen mit ihren großen Augen und der hohen Stirn zwar über das typische Kindchenschema, doch man mag diese Puppen kaum Spielzeug nennen. Sie wirken wie Erwachsene, manchmal wie Greisinnen. Nicht immer sind sie wach, sehr oft haben sie die Augen geschlossen und schlafen wie tot.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Chris Popovic aus Staufen bildnerisch mit dem Thema "Bettstatt". "Cubicularium" nennt sie eine Serie von altmeisterlich mit Ölfarbe auf Leinwand gemalten Matratzen. Der Begriff ist eine Wortbildung der Künstlerin, die sich an das lateinische Wort "cubiculum" anlehnt, was so viel wie Schlafzimmer meint. Als bildwürdig empfindet sie die alten, dreiteiligen Modelle, die es früher in vielen Farben und Mustern gegeben hat.

Sie erinnern an eine Zeit, in der man nicht selten auf der selben Matratze starb, auf der man auch geboren wurde. Mit wissenschaftlicher Akribie hält Chris Popovic, die nicht nur Künstlerin, sondern auch Mathematikerin ist, alle Details fest. Sie beobachtet das Verhältnis der Gegenstände zueinander, ihre Erscheinungsweise im Raum, ihre Stofflichkeit und ihr Verhalten unter dem Einfluss von Licht und Schatten. Ganz in Übereinkunft mit Almut Quaas zeigt auch sie eine Welt, die zwar ohne die Anwesenheit des Menschen auskommt, doch zugleich – höchst lebendig – Dinge zeigt.

 

Autorin: Antje Lechleiter


 

Badische Zeitung, 19.03.2015

Freude am genauen Hinsehen

Neue Ausstellung im Georg-Scholz-Haus: Bett-Ornamentik, die zum Träumen einlädt und Früchte zum Anbeißen schön.

Foto Ernst-Hubert Bilke: Almut Quaas oben, Chris Popovic unten

 

WALDKIRCH. Am kommenden Sonntag, 22. März, wird im Georg-Scholz-Haus die zweite Ausstellung in diesem Jahr eröffnet. Sie steht unter dem Titel "Stille Leben" und zeigt Ölgemälde von Chris Popovic und Almut Quaas. Die Darstellung regloser, nicht unbedingt toter Gegenstände, die unter ästhetischen Gesichtspunkten zusammengestellt werden, hat in der europäischen Malerei Tradition und so kann es gerade für den kunsthistorisch gebildeten Betrachter schwierig sein, die ausgestellten Werke so zu erfassen, wie sie die Künstlerinnen gemeint haben: entstanden aus einem Lebens-Stil, der Freude am genauen Hinsehen vermittelt.

Es ist sinnvoll, zuerst die Bilder von Chris Popovic anzuschauen, bei denen weniger die Gefahr besteht, auf traditionelle Sichtweisen hereinzufallen. Gewiss, das Bett als Ort, in dem Menschen viele Stunden verbringen, liebend, ruhend, schlafend und sterbend, ist geradezu eine Metapher für den Spannungsbogen zwischen Leben und Tod, aber Popovic zeigt nur Ausschnitte davon, und das darf man wörtlich nehmen. Sie schlitzt Bezugsstoffe von Matratzen auf, die sie in Haushaltsauflösungen und auf dem Sperrmüll findet und entnimmt ein Stück Bezugstoff. Mit der akkuraten Regelmäßigkeit eines Tapetenmusters wiederholen sich florale Motive auf meist blauem oder rotem Leinen.

 

 

 

Faszinierende Matratzen


Im Leben der ehemaligen Lehrerin für die Bildende Kunst und Mathematik gab es Zeiten, da hat sie das Leinen von Matratzen als Malgrund benutzt. Eines Tages hat ihr geschulter Blick für Geometrie die mit Rosshaar gefüllten Quader mit ihren Bezügen als selbstständiges Motiv entdeckt. Mit dreien davon wurde zu Omas Zeiten ein Bettenrost belegt, und um 1970 nutzten junge Leute diese Teile als Sitz- und Liegegelegenheit auf dem Boden. Viele Bezüge von Kissen und Decken zeigen Muster, deren Regelmäßigkeit manchmal nicht,wie zum Beispiel Parallelen auf den ersten Blick zu erkennen sind. Die Schatten der Zwischenräume aufeinandergestapelter Matratzen, die Ritzen zwischen Bettzeug, finden in jüngster Zeit ihr zunehmendes Interesse. So beschäftigt sie Bett-Ornamentik seit rund 15 Jahren immer wieder neu.

Auch Almut Quaas kann sich längere Zeit einem Thema widmen. Serien faszinieren sie solange bis sie sich "sattgemalt" hat. Welche Frucht war das Vorbild für den Paradiesapfel? Diese Frage war der Ausgangspunkt für eine solche Bilderserie. Bei den alten Meistern kroch da und dort ein Würmchen aus einem Apfel hervor, um unerbittlich auf die Vergänglichkeit des Daseins hinzuweisen. In ihren Stillleben ist nicht der Wurm drin. Im Gegenteil, realistisch mit braunen Dellen im annähernden Maßstab 1:1 gemalte Quitten laden dazu ein, in die Hand genommen zu werden, die braunen Stellen wegzuschneiden, um dann in einem Entsafter verarbeitet zu werden, und mit Gelierzucker aus dem Saft Quittengelee zu machen.

 

Früchte und Puppen


Zum Anbeißen schön sind die Äpfel und Granatäpfel. Überdimensioniert gemalte blaurote Trauben, weiße Erdbeerblüten, glänzende Erdbeeren und gelbe Zitronen, strahlen Lebensfreude aus.

Strampelnde Babys als Sinnbild heranwachsenden Lebens, erstarrt zu nackten Gliederpuppen, haben Rudolf Dischinger (1904-1988) lange fasziniert. Almut Quaas kennt die Tochter Dischingers und den Nachlass dieses Vertreters für Neue Sachlichkeit. Aus ihren Kindertagen hat Almut Quaas Gliederpuppen aufbewahrt. Paula, Emilie oder Anna hießen sie, und als Kind erlebte sie diese Puppen als lebendig, spielte und sprach mit ihnen. Heute fehlt ihnen mal ein Arm, mal ein Bein, und mit Kleidchen, gemalt in Öl, wirken sie reglos bis melancholisch. Und wie bei Popovic verselbständigt sich ein Detail eines Motivs, wenn sie die Muster der Kleidchen einer Puppe an sich malt.

Info: Ausstellungseröffnung im Georg-Scholz-Haus ist am Sonntag, 22. März, um 11 Uhr. Öffnungszeiten: Do 17 bis 20 Uhr, Fr/Sa 15 bis 18 Uhr, So 10 bis 13 Uhr (Karfreitag und Ostersonntag 10 bis 13 Uhr). Kunstgespräch mit den Künstlerinnen am 27. März, 19.30 Uhr; Schreibnacht am 28. März; Filosofisches Forum am 17. April; Lesung mit Evelyn Grill am 24. April; Finissage am 26. April.

 

Autor: Ernst-Hubert Bilke

 

 

Der Sonntag Waldkirch, 29.03.2015

Vanitas

Malerei und Fotografie zur Ästhetik der Vergänglichkeit

Almut und Ludwig Quaas

Dauer der Ausstellung: 14.02. bis 15.03.2015

depot.K e. V.

K u n s t p r o j e k t F r e i b u r g
Schopfheimer Straße 2, 79115 Freiburg
Do 17 – 20, Sa 14 – 18, So 11 – 16 Uhr
0761 63 09680 info@depot-k.com

http://www.depot-k.com/

 

Ausstellungseröffnung:

Freitag, den 13.02.2015 um 20:00 Uhr, Einführung: Stefan Tolksdorf

Badische Zeitung, 10.03.2015

Freiburger Wochenbericht, 11.02.2015